Randgruppe? Kinder gehören in unsere Mitte

Randgruppe? Kinder gehören in unsere Mitte

Kinder sind laut, machen Dreck und nerven. Vor allem Erwachsene, die ihre Ruhe haben wollen.

Ja, ich freue mich auch, wenn die Kids abends im Bett sind und Ruhe einkehrt. Ja, ständiges Kindergebrüll auf Presslufthammerlautstärke ist jetzt auch nicht mein Lieblingsgeräusch. Und nein, tretende Kinderschuhe in der U-Bahn gegen meine Feinstrumpfhose find ich nicht so witzig.

Aber mal ehrlich, Kinder werden immer mehr zur Randgruppe – und Eltern gleich mit. Diese Woche mein Lieblingserlebnis: Wir waren im Fitnessstudio. Unser (schon „exclusiverer“) Club in Hamburg-Uhlenhorst verfügt über eine Umkleide, in dem es vier Abschnitte gibt, in denen man sich umziehen kann. Neben Sport, Business und Wellness Club ist das Teilchen auch ein Family Club – dementsprechend viele Kinder-Sportangebote gibt es. Nun steht an einem der Abschnitte fett „Mutter-Kind“ dran (wollte schon „Eltern-Kind“ schreiben, aber dem ist nicht so). Ich habe es doch glatt gewagt, mich und die Kinder in einem anderem Abschnitt umzuziehen (unter anderem wegen des besser einsehbaren Laufstalls). Gleich zweimal durfte ich mir um 16 Uhr (!) nachmittags anhören, dass ich gefälligst mit Kindern in den Mutter-Kind-Abschnitt zu wechseln habe – man hätte sonst ja keine Ruhe. Und nein, meine Kinder haben keinen Quatsch gemacht. Sie haben sich quietschfidel am Laufstallrand auf dem Flur fern ab von uns vergnügt respektive sich konzentriert mir mir umgezogen, da wir eh schon sehr spät dran waren für den Schwimmkurs des großen Kindes. Mit drei Taschen, einem Kind in Eile und halb nackt wollte ich dann nicht mehr unseren bereits perfide gestapelten vollen Schrank umräumen. Gab keine netten Blicke!
Sprich, wenn irgendwo steht „Mutter-Kind“, dann habe ich nur da hinzugehen? Wenn es in der Bahn ein Eltern-Kind-Abteil gibt, sollen solche doch bitte auch nur dort im Zug reisen? Und wenn es einen Kinderspielplatz gibt, sollen sich Kinder dort aufhalten und nicht auf der großen Wiese nebenan? Ausgrenzung pur!

Ach Leute, echt nicht, oder? Es sind nur kleine Episoden, aber immer wieder kommt so etwas vor. Kinder haben am besten unsichtbar zu sein, und wenn schon in „Erwachsenenkreisen“ unterwegs, dann bitte brav und stillsitzend, am besten ruhig. Allerdings: es sind Kinder. Die sind auch mal lauter, laufen rum oder sind im müden Zustand ein Nervenpaket. Ja, und es soll Säuglinge geben, die schreien. Und nein, auch wenn es vielleicht einige Leute denken mögen, KEIN Elternteil mag sein Kind schreien lassen. Und laut, tobend (vor allem in geschlossenen Räumen) und trotzend finden wir selbst unsere eigenen Kinder jetzt auch nicht grad nicht immer supersüß und entspannend. Ich bin trotzdem der Meinung, dass Kinder nicht ausgeschlossen, sondern integriert sein sollten. Kinder lernen durch Nachahmung – wie sollen sie lernen, wie man sich in einem Restaurant verhält, wenn man nie mit ihnen hingeht? Oder U-Bahnfahren, Kunsthalle besuchen oder Flugzeug fliegen (ja, das muss sein, wenn Pateneltern und Familie in vielen verschiedenen Ländern wohnen). Der weltbeste Mann der Welt und ich achten darauf, dass sie LERNEN (manchmal können sie es halt noch nicht perfekt), auf andere zu achten, gewisse Regeln einzuhalten und sich selbst zu reflektieren. Wir gehen auch aus Situationen heraus, wenn es gar nicht mehr geht oder die Müdigkeit nur noch Grütze im Kinderhirn produziert. Und natürlich setzen wir auch mal „Ruhigsteller“ wir iPad mit Duplo-App im Restaurant oder auf Familienfeiern ein, um etwas mehr Ruhe zu schaffen. Oder wenn es sein muss, Fernsehen. Auch wenn wir es nicht mögen.
Wir können nicht immer alles vorhersehen und lernen heisst eben auch, Fehler zu machen und aus diesen zu lernen. Deswegen darf bitte auch ein anderer Erwachsener meinen Kindern sagen, dass sie leiser sein sollen, auf ihre Füße achten sollen oder etwas nicht anfassen mögen. Das kann darüberhinaus wesentlich wirksamer sein, als Mamas vierte Ermahnung. Und die Kinder merken, es gibt nicht „die anderen“, die „Nachbarn“ oder die „Leute“ – sondern immer einen Mensch mit Bedürfnissen, ein Gegenüber in sozialer Interaktion. Nur durch Begegnungen können sie Respekt, Toleranz und Rücksicht erlernen. Und dies muss auch nicht in abgeschlossenen Kinderräumen mit anderen Kindern stattfinden, sondern bitte generationenübergreifend.
Ich sehe daher auch nicht ein, mich mit meinen Kindern zu Hause zu verstecken, nicht an manchen Veranstaltungen teilzunehmen oder irgendwo nicht hin zu reisen. Das sich manche Ziele nicht mit Kindern eignen, ist uns klar. Schliesslich wollen auch wir eine entspannte Zeit mit unser Familie geniessen.

Es ist übrigens nicht schön, nicht willkommen zu sein. Und verstärkt die Anspannung in uns Eltern. Denn Kinder funktionieren (Gott sei Dank) nicht auf Knopfdruck und ferngesteuert. Allerdings sind sie sensibler als man denkt. Unsere Anspannung nehmen sie sofort wahr – und „be-„nehmen sich dann meist noch mehr „daneben“. Oder sie sind traurig. Mein kleines Kind ist ein (meist) ein kleines Sonnenscheinchen und lacht viele Menschen an. Wenn einer es ignoriert oder unbewegt zurückstarrt, ist es häufig traurig und kommt verwundert in meine Arme zurück. So ist das nämlich auch. „Erziehungspabst“ Jesper Juul betont in seinen Büchern oft, dass Kinder grundsätzlich in positive soziale Beziehung mit anderen treten wollen. Das Ammenmärchen vom bösen, eigenwilligen Tyrann gilt so nicht. Aber oft ist dieses Bild vom bösen Kind, dass andere nur ärgern will, noch in den Köpfen von manchen Leuten verankert. Und dadurch, dass Kinder einfach gar nicht mehr so oft im „normalen“ Leben vorkommen, wissen viele Menschen nicht, wann Kinder welche Phasen im welchem Altern durchleben und was sie dann schon können und was halt auch eben noch nicht. Kinder mit eins matschen wegen der taktilen Phase nun mal im Essen. Mit anderthalb schubsen oder beissen sie andere Kinder (finde ich nicht gut, ist aber so, weil sie sich nicht anders ausdrücken können). Kinder mit zweieinhalb haben häufig zwischen dem Bemerken, dass sie auf Klo müssen, und dem Loslassen nur wenig Zeit zu reagieren. Kinder fangen erst mit fünf Jahren an, ein Schamgefühl für ihren Körper zu entwickeln.
Und bevor jemand blind verurteilt, darf man auch gerne die Eltern fragen. Und nicht sofort rummeckern oder uns den Platzverweis zu erteilen. Denn wir wollen, dass unsere Kinder sozial aktive und umgängliche Menschen werden – dies können sie nur mit Vorbildern, die es ihnen vorleben und sie nicht vom Leben ausschliessen.

P.S. Jetzt weiß ich nicht, ob das so typisch Deutsch ist – aber in vielen anderen Ländern hab ich das auf unseren Trips mit einem Kind und auf der Weltreise mit zweien nicht so verschärft wahrgenommen (bis auf eine Episode in Neuseeland)… Im Gegenteil in den südlichen Ländern sind Kinder fast überall herzlich willkommen. Fühlt sich gut an!

P.P.S. Ich hab rein neugierig mal den weltbesten Mann der Welt gefragt, ob es denn auch eine „Vater-Kind“-Ecke in der laut Kind 1 genauso aufgebauten Männerumkleide nebenan gibt. „Nöö“, war die erstaunte Antwort. Das wär auch gar nicht nötig trotz vieler Väter mit Kindern – sei ja kein Thema. Das hätte ich jetzt nicht vermutet.