Zuviel Stress?

Zuviel Stress?

Wollen wir Eltern zu viel? Fast scheint es – wenn man der Forsa-Studie der Zeitschrift ELTERN glauben darf. Eigentlich wollen wir alles – Familienzeit, individuelle Freiräume und Paarmomente, ausgewogene Beziehungen, Arbeiten und Kinder.

Und das soll auch bitte so sein – denn wer möchte schon in vorgepressten Schemata leben oder sich für immer und ewig auf eine Rolle festlegen lassen? Also ich nicht. Klar ist aber auch – es geht nicht immer alles. Zumindest nicht alles gleichzeitig. Und nicht alles perfekt. Aber warum ist „gut genug“ nicht für viele nicht ausreichend?

Meine Lieblings-ELTERN-Autorin Verena Carl hat in dem begleitenden Artikel in der sehr gelungen gerelaunchten Zeitschrift geschrieben: „der meiste Eltern-Stress ist hausgemacht“. Wohl wahr. Kenn ich nur zu gut. „Ich habe sehr hohe Ansprüche an mich selbst“ – das sagen immerhin knapp dreiviertel der befragten Frauen und etwas über die Hälfte der befragten Männer. Da würde ich viele in meinem Umkreis und vor allem mich selbst nicht ausnehmen. Obwohl ich zufrieden bin mit unserer partnerschaftlichen Aufteilung in unserer Familie, meinem Vollzeitjob und unserem familiären Leben kommt es doch immer wieder zu Stressmomenten.
Weil ja nie die Krankheitsfälle kommen, wenn grad mal Luft im Firmenterminkalender ist.
Weil beide Kinder brüllen – warum, ist unklar.
Weil das Kind im Trotzalter mit Müsli wirft, wenn man sich für einen wichtigen Termin besonders schick gemacht hat.
Weil die Milchpumpe auf einem Auszeitwochenende mitten in der Nacht mitten in der mecklenburgischen Pampa batterieenergieausgelutscht ist.
Weil der Text noch fertig werden muss, aber in 20 Minuten der Kindergarten schließt.
Weil ein Kind zur einen Seite zieht und das andere zur anderen wegläuft.
Weil die morgendliche Yoga- und Meditationsauszeit mit einem quakenden Kind leider ausfällt.
Weil die Kinder ausgerechnet dann müde sind und um sich treten, wenn sowieso schon genervte Mitreisende mit dir im Flugzeug sitzen.
Wenn das Ehrenamt immer dann viel fordert, wenn es auch das restliche Leben tut.
Ach ja. Und so vieles mehr. Eigentlich passiert das meiste ja immer dann, wenn man von der einen Rolle (Mama) in die andere Rolle (Angestellte) überspringt. Oder wenn man selbst angespannt ist. Weil man selbst nicht auf Knopfdruck funktioniert. Und Kinder (Gott sei Dank) schon mal gar nicht. Weil man mit Kindern oder als Eltern nicht überall willkommen ist – ob selbst so angenommen oder tatsächlich. Und eben weil man immer perfekt sein möchte – die beste Mama, der leistungsfähige Arbeiter, der perfekte Sportler,
die aufmerksamste Freundin. Geht aber nicht. Schade. Aber schon mein alter Wiener Professor sagte immer: je niedriger die Erwartungen, umso glücklicher kann man werden.

Ein ehrgeiziger Mensch werde ich bleiben, aber das Perfektsein hab ich aufgegeben. Besser gesagt, ich arbeite dran 😉 Auch hinterfrage ich oft, warum ich eigentlich etwas so oder so machen muss? Wer sagt denn das? Oder erwartet das? Egal, dann eck ich halt Außen mal an – aber ich fühl mich mit unserem individuellen Familienweg im Inneren wohler. Dabei kommt dann halt so eine auf den ersten Blick krude Mischung von Hausgeburtsmama vs. Managerin, Yogalehrerin vs. Pressesprecherin, Attachment Parenting-Langzeitstillende-Tragemama vs. Vollzeitarbeitende, Radfahrerin vs. Vielfliegerin raus. Die Person ist aber genau so, wie ich sein will.

Meine persönlichen Hilfen gegen aufsteigende Hektik sind übrigens wirklich Achtsamkeit, Reflektion, Innehalten, Atembeobachtung und Denkauszeiten. Aber die halt nicht mehr so wie früher geordnet strukturiert in meiner täglichen Yogaauszeit, sondern zwischendurch. Im Chaos, und sogar mit den Kids. Aber auch das üb ich noch (und wir zusammen ebenfalls). Und einfach (leichter gesagt als getan) mal „Stopp“ sagen. Das können meine Kids mittlerweile schon fast besser als ich – selbstwert-wertsteigende Kindergartenerziehung sei Dank.
Kinder wollen keine perfekten Eltern! Sondern reale, authentische Eltern zum Anfassen (sagt auch Jesper Juul). Die ihnen etwas anderes vermitteln als nur Hektik und Stress. Arbeiten wir dran und schrauben unsere Erwartungen und Ansprüche runter – dann wird es leichter!

Buchtipps dazu: Jon Kabat-Zinn „Mit Kinder wachsen“ Thich Nhat Hanh „Aufmerksamkeit mit Kindern“ Rick Hanson „Das Gehirn eines Buddha“

P.S.: und ja, der Kuchen fürs Kindergartenfest darf gekauft sein, die Bluse nur am Kragen gebügelt und die Wohnung krümmelig. Und die ganze Familie während des Frühstücks trotz Familienregeln einfach so aufstehen und bei einem tollen Lied im Radio tanzen!