Schreibtisch für das Schulkind? 8 Gründe, warum ein Schulkind KEINEN Schreibtisch braucht 

Schreibtisch für das Schulkind? 8 Gründe, warum ein Schulkind KEINEN Schreibtisch braucht 

Es sind Sommerferien – und bald kommen die neuen Erstklässler in die Schule. Seit Wochen sind sie wieder da die Diskussionen im Bekanntenkreis – welcher Schreibtisch für mein Kind? Ergonomisch, höhenverstellbar (da mitwachsend), schick – und in welcher Höhe soll die Investition in die Schulkarriere des Kindes denn nun ausfallen?

Ich gebe mal einen anderen Denkanstoß – was passiert denn, wenn das Schulkind keinen Schreibtisch bekommt?
Wir haben ja nun als Familie bereits das erste Jahr Schule hinter uns – und sind kinderschreibtischlos glücklich.
Der ausschlaggebende Punkt war eine Diskussion mit einer Physiotherapeutin, die anregte, die Kinder zu Hause nicht bereits wieder an einen Tisch zu quetschen, sondern lieber frei auf dem Boden „lümmeln“ zu lassen – insbesondere für Schreiben, Malen, Basteln. Ja, richtig, lümmeln. Sie hätte so viele (Schul-)Kinder mit sich verfestigenden Haltungsschäden in Behandlung – da wäre es gut, wenn sie sich nach vielen Stunden am Schreibtisch im Klassenzimmer zu Hause freier bewegen können. Kinder nehmen so automatisch wechselnde Haltungen ein, die besser sind als das vorgefertigte Training für viel, viel Sitzfleisch im späteren Leben.

Und wer weiß, dass Sitzen ein wissenschaftlich nachgewiesener gesundheitsschädlicher Faktor im Büro ist, möchte doch nicht auch schon so seine Kinder in frühen Jahren ins Schema pressen, oder? 
Ich bin ja nun eher pragmatisch als dogmatisch veranlagt und habe vor einem Jahr mit diesen Infos gesagt, dass das große Kind erst mal keinen Schreibtisch bekommt. Gleichzeitig haben wir dem Kind das Angebot gemacht, gerne jederzeit mit uns am Esstisch oder bei uns an unserem Schreibtisch im Arbeitszimmer Hausaufgaben zu machen, wenn es unbedingt an einem Tisch arbeiten will. Malen und basteln tun die Kinder eh seit Jahr und Tag zu unserem Füßen auf dem großzügig-freien Boden im Arbeitszimmer. Und wenn wir merken, dass eines der Kids doch einen eigenen Schreibtisch braucht, besorgen wir ihn halt später. 
Nun ja, was soll ich sagen – der Fall ist bislang nicht eingetreten. Im Gegenteil, ich habe aus den Beobachtungen des letzten Jahres sogar noch mehr bestätigte Gründe gegen einen Schreibtisch für Schulkinder gefunden:
1. Numero Eins ist und bleibt die oben genannte Bewegungsfreiheit
Als Yogalehrerin kann ich die Aussage der Physiotherapeutin nur bestätigen. Bewegung ist super – vor allem für Kids. Das Lümmeln hat bisher keine sichtbaren Nachteile gebracht – auch Schriftbild und Co. sind nicht anders als die Dinge, die Kind 1 in der Schule schreibt. Und wenn es mal unbequem sein sollte: hier sind genug Yogamatten und Bodenkissen im Haus.
2. Mehr Platz zum Spielen
Tja, ohne Schreibtisch im Kinderzimmer ist da mehr Platz zum Spielen. Für Seile, Schwebeinsel und Hüpfmatratze. Für Playmo-, Brio- oder Auto-Welten. Und da bei uns die Kinder nicht im Kinderzimmer, sondern im Arbeitszimmer malen und basteln wird, braucht es auch keine weitere Ablagefläche durch einen Schreibtisch im Kinderzimmer für Stifte, Hefte und Co. 
3. Kein Zumüllen
Diese Ablageflächen müllen gerne zu. Bei uns wird jede Ablagefläche gerne von allen Familienmitgliedern als solche genutzt. Leider sehr oft zweckentfremdet. Und damit super als Staubfänger 🙂 Wie oft hab ich schon Schreibtische von Grundschülern bei Freunden gesehen – und wie oft waren die Tischplatten eigentlich gar nicht mehr sichtbar…
4. Kreativität beim Malen, Basteln und Co
Bei uns auf dem Boden im Arbeitszimmer geht es beim Malen und Basteln immer wild und kreativ her – Bewegungsfreiheit fördert bekanntlich die Kreativität. Für eine zusätzliche Dimension haben wir sogar Staffeleien zum Malen im Stehen – die kommen dann auf die Schreib- oder Balkontische und dann malen die Kids, was das Zeug hält. 
5. Keine Hausaufgaben dank Ganztagsschule 
Kind 1 ist auf einer Ganztagsschule – wie mittlerweile ein Großteil der Schüler in Hamburg. Der Anteil an Hausaufgaben hält sich zumindest in den ersten beiden Klassen in Grenzen – es gibt einfach gar keine! Null, nada, zero. Die meisten Sachen bearbeiten die Kids in der Lernzeit in der Schule. Ab und zu bringt Kind 1 mal etwas zum Nacharbeiten mit, aber auch das hält sich sehr in Grenzen. Das ist auch gut so, denn wenn Kind 1 nach 16 Uhr nach Hause kommt, sollte es seine Freizeit und Freiheit genießen. Durch die großen Nachbarskinder bin ich ja schon vorgewarnt: Ab Klasse 3 wird es immer noch keine Hausaufgaben geben, aber für Tests sollen die Kinder dann zu Hause üben. 

Nun das theoretische Modell funktioniert in der Praxis nicht immer: Kind 1 hat einige Freunde, die die Dinge nicht in der Lernzeit in der Schule bearbeiten wollen oder können. Die nehmen die Vertiefungsaufgaben mit nach Hause. Wenn ein Kind dies tut, könnten Eltern dann ja immer noch einen Schreibtisch anschaffen.
6. Hilfe der Eltern gefragt
Aber auch das wird wahrscheinlich nichts bringen: die Kinder bringen meist Aufgaben mit nach Hause, bei denen sie noch mal Denkanstöße von uns Eltern benötigen oder wir uns konkret daneben setzen sollen. Das berichten auch mehrere unserer Bekannten, deren Kinder sich mehr Aufgabe aus der Ganztagsschule mit nach Hause nehmen – etwa weil es ihnen für konzentriertes Arbeiten dort zu unruhig ist. Da ich meist Abendbrot koche, bin ich in der Zeit dankbar, wenn Kind 1 dann am Esstisch arbeitet und ich so nur kurz einmal rüberschauen kann oder vom Herd mich direkt mit dem Großen unterhalten kann. Gleiches gilt für die wenigen Aufgabenlösungen abends oder am Wochenende – meist lümmeln wir zusammen irgendwo im Wohnzimmer und Kind 1 kann die Aufgaben mit ein wenig Elternanstupshilfe selbst lösen. Ich hab nämlich auch keine Lust mehr auf Schreibtisch nach einem ganzen Tag oder eine Woche im Büro 🙂
7. Weniger Ausgaben
So ein guter Kinderschreibtisch ist nicht grad günstig – und wie ich mich kenne, die meist immer die sehr tollen Dinge für die Kids kaufen möchte, wäre die Anschaffung eines Schreibtisches mit ergonomischen Hocker oder Stuhl wahrscheinlich belastend für die Haushaltkasse geworden. Nun, das Geld haben wir uns erstmal gespart. Und auf betriebswirtschaftlicher Sicht sind spätere Ausgaben ja immer besser :-). Sicher wird irgendwann ein Schreibtisch fürs Kind ins Haus kommen. Ich gehe heute davon aus, dass das erst in der weiterführenden Schule passiert. Aber das sehen wir dann, wenn wir den Bedarf sehen oder Kind 1 ihn explizit anfordert. Und vielleicht ist das auch nie. Oder früher 🙂 Ich arbeite übrigens am liebsten auf der Couch mit Füßen hoch. Nur Bilder bearbeite ich am Schreibtisch am Rechner. Im Büro hab ich zumindest eine Fußhängematte und meine Polar-Uhr erinnere mich jede Stunde an Bewegung. Und während meiner Masterthesis hab ich mich am liebsten am Fußboden mit Laptop und meinen gefühlt 100 Büchern ausgebreitet. Vielleicht kommt Kind 1 ja nach mir 🙂
8. Die Kinder vermissen nichts

Unser Kind vermisst keinen Schreibtisch. Und auch seine Freunde fragen nie danach. Im Gegenteil, meist lümmeln sich dann drei bis vier Kids auf dem Fußboden im Arbeitszimmer und malen. Wie herrlich! Freiheit in der Bewegung – insbesondere in der Kunst und beim Lernen!