Tausche Wut gegen Glitzer

Tausche Wut gegen Glitzer

Es ist wieder da – das Wutmonster ist erneut in unsere Wohnung eingezogen. Mit jedem Kind kommt es wieder, ob mit beim ersten mit zwei Jahren oder in dem jetzigen Fall mit 3 Jahren: irgendwann ist es soweit. 
Und egal wie oft wir es von hier durch das Fenster in die Alsterkanäle schmeißen, aus der Nase ziehen oder versuchen, es aus dem Bauch herauszukitzeln – es kommt hartnäckig und stets zurück.

Jaja, wir wissen ja, Autonomiephase ist wichtig für die Entwicklung. Aber nach mehreren Tagen, nein, Wochen, nein, Monaten Trotzanfälle bei kleinsten Aufregern (falsche Socke rausgelegt, nicht zuerst Nudeln bekommen, vom großen Kind einen doofen Spruch an den Kopf geworfen, nur pinker statt blauer Joghurtlöffel in der Schublade) sind auch die Elternnerven echt von vorne bis hinten strapaziert. Wir nehmen es je nach eigenem Energielevel mit Großmut und Umarmungsstrategie (auch in der Gefahr von dem derzeit sehr speziellen Wutmonster angespuckt zu werden) oder mit aufsteigender End-Genervtheit (vor allem wenn das Wutmonster wiederholt schöne Dinge mutwillig zerstört). Gut, dass zumindest meist einer von uns sich in Phase 1 befindet. Und Dinge nur Dinge sind. Und keine Kinderseele. Trotzdem mag ich das große Kind auch nicht leiden sehen, weil vor allem meist dessen mehrstündige Bastelarbeiten (Bügelperlen, Bilder, Modelle aus Pappe) der Zerstörungswut anheim fallen, wenn einer von uns dreien nicht schnell genug war zu retten.
Was also tun (außer den Standardstrategien wie Umarmen oder gemeinsame Auszeit im Raum nebenan mit Spuckwutmonster im Arm)?
Das große Kind kam auf die Lösung. Es holte sein fast schon vergessenes Glitzerglas wieder hervor. Glitzerglas? Ja, Glitzerglas. Ein Marmeladenglas gefüllt mit destilliertem Wasser, Glycerin und Glitzerpartikeln. In einem Haushalt, in dem selbst bei Männern Glitzer eine eigene Farbe ist, kann es nichts besseres geben.

Eigentlich ist es sowas wie eine selbstgebastelte Schneekugel. Aber eben selbst mit Glitzer befüllt. Nach einem Fundstück im amerikanischen Yoga Journal (https://www.yogajournal.com/meditation/mindfulness-play-glitter-jars-imagination-anxiety) vom großen Kind und mir zusammengestellt. Christopher Willard stellt die Methode in seinem Buch „Growing up mindfully“ vor. Ein empfehlenswertes Buch, dass bei uns als Inspirationslektüre sowieso immer irgendwo zu Hand ist. 
Wie funktioniert das Glitzerglas?

Ziemlich einfach. 
Die Zutaten

  • Marmeladenglas ( am besten schmal für Kinderhände)
  • (Destilliertes) Wasser (destilliert, dann fault/ algt das Wasser nicht so schnell) 
  • Glycerin (hilft für verlangsamtes Absinken, ist aber kein Muss. Geht auch ohne. Die Apotheke um die Ecke sollte es haben, wenn man nicht wie wir eine Apothekerin als Oma in der Familie hat.)
  • Glitzer (in drei verschiedenen Farben, möglichst welches, das zu Boden sinkt im Wasser)
  • Kleber (bitte nur in Erwachsenenhände, sollte es was stärkeres sein wie Schraub- oder Sekundenkleber)

Das Herstellen

Lass dein Kind drei Glitzerfarben aussuchen. Eine Farbe steht für Gedanken, eine für Gefühle, die letzte für Verhalten (Dinge, irgendwie die sofort erledigt werden müssen). Lass dein Kind von jeder Farbe einige Prisen in das mit Wasser gefüllte Glas streuen. Füge selbst Glycerin hinzu und Schraube das Glas zu. Zukleben würde ich es erst ein bis zwei Tage später, wenn ihr seht, dass alles passt und genug der jeweiligen „Zutaten“ im Glas sind.
Das Ritual

Frag dein Kind, was es – im Positiven wie im Negativen – aufwühlt (etwa Streit oder Vorfreude auf eine Feier). Frag nach Gefühlen, nach Gedanken oder Dinge, die Aktionismus auslösen.

Konkrete Beispiele: In welchen Situationen bist du traurig / aufgeregt / wütend? Wann bist du voller Freude, vielleicht so sehr, dass du ganz hibbelig wirst? Welche Gedanken in deinem Kopf kommen immer wieder und lassen sich gut / freudig / traurig / schlecht etc. fühlen?

In welchen Situationen hast du dringend das Gefühl, sofort etwas tun zu müssen?
Bringe durch weitere Fragen aufwühlende und freudig-aufregende Situationen im Leben deines Kinds zum Vorschein. 
Geht zusammen die Punkte durch. Und schüttelt jedes Mal das Glas. Erklär dem Kind, dass das Glas wie der Geist ist – in ruhigen Momenten ganz klar und ruhig. Aber in aufregenden Situationen aufgewühlt, glittering. Du kannst nichts sehen vor lauter Glitzer. Definitiv ist es schwierig, in solchen Momenten klar zu bleiben.
Beim wieder ruhig und klar werden kann allerdings das Glas helfen. Wenn dein Kind etwas aufwühlt oder es ganz unruhig im Geist ist (wütend, traurig, aufgregt…), dann bitte es. das Glas zu schütteln und es dann vor seinem Gesicht auf dem Fensterbrett oder Tisch abzusetzen. Erklär ihm tief in den Bauch zu atmen, ganz still zu werden und dem Glitzer dabei zu zusehen, wie es auf den Boden sinkt. Wenn das Glitzer am Boden angekommen ist, ist das Wasser wieder ruhig und klar. Und der Geist des Kindes auch. 
Es funktioniert. Glitzer ist so faszinierend, dass fast alle Kinder diese Aufgabe gerne annehmen. Und dann selbst merken, dass sie durch diese kleine, ganz leichte Atmungs- und Achtsamkeitsübung (die wir einfach nur Glitzerglas nennen) es selbst in der Hand haben, sich wieder zu beruhigen. Ganz egal, was im Außen oder Innen ist. Das was da ist (und das Glitzer) ist nicht weg. Aber wenn ruhig unten angekommen, der Klarheit im Geist eben auch nicht im Weg und versperrt uns nicht die Sicht auf das Wesentliche. 

Die Kinder erleben, dass nichts außer Stille und Warten das Glitzer absinken lässt. Das wir gar nichts dafür tun müssen, sondern es von selbst geschieht, wenn wir es in Ruhe zulassen.
Daran hat sich das große Kind erinnert. Und diese Strategie dem kleinen Geschwisterkind beigebracht. Mit leichten, unyogischen Abwandlungen (zurzeit ist das Glitzer das Ultraböse aus Ninjago – kein Kommentar ;-)), aber es funktioniert trotzdem.

Immer? Nein! Definitiv auch nicht. Aber immer mal wieder. Und das Wutmonster darf zumindest für eine Glitzerabsenk-Länge mal kurz ausschalten. Das gibt uns Eltern dann auch wieder Zeit zum Durchatmen bis zum nächsten Ausbruch. Und der Wiederholung des Mantras: „Es ist alles nur eine Phase!“