Kinder als Kontaktbörse

Kinder als Kontaktbörse

Machen Kinder einsam? Vor allem vollzeitarbeitende Mütter? Sophie vom Blog „Kinder haben… und trotzdem leben“ hat einen wunderschönen Beitrag zum Thema „Die Einsamkeit der berufstätigen Mutter“ geschrieben. http://kinderhaben.de/post/129510366346/die-einsamkeit-der-berufstätigen-mutter

Neben Arbeit und Familie bleibt ihr nicht mehr viel Zeit für neue Kontakte und vor allem die Müttertreffen mit Kindern.

Dies kann ich verstehen. Bei Kind 1 war ich in meiner Geburtsvorbereitungs-Mama-Gruppe die Exotin. Gleich mit sechs Monaten wieder Vollzeit arbeiten gehen passte nicht zu den regelmäßigen Treffen. Natürlicherweise hat sich das ganze für mich mit der Zeit verlaufen. Aber eine meiner liebsten Kontakte aus dieser Gruppe ist bis heute Freundin und – wenn auch unregelmäßig aufgrund der vollen Terminkalender – Spieltreffpartnerin für unsere mittlerweile vier Kids. Und ja, irgendwie ist es damals schon komisch gewesen, den Anschluss an die Gruppe nicht mehr zu finden und die erste zu sein, die wieder arbeitet und dann so lange. Trotzdem hab ich es – ebenso wie du – nicht bereut. Denn die Eigenständigkeit, die Auslastung des Hirns, Berufsthemen statt Windelinhalt, der Kontrast zum Familienleben und die netten Kollegen machen Spaß. 

Sophie, als immer noch vollzeitarbeitende Mama von mittlerweile zwei Kindern kann ich dich beruhigen: Das mit der gefühlten Ausgeschlossenheit wird besser, viel besser. Eigentlich schon fast zu gut. Kind 2 ist fast auf den Tag genau so klein wie dein Kleiner. Kind 1 allerdings ist nun in der Vorschule und scheint meine Kontaktfreudigkeit geerbt zu haben. Eigenständige Verabredungen sind von daher an der Tagesordnung und ich komme kaum noch hinterher.

Was hilft mehr Menschen auch als Mutter mit hohem Teilzeit- oder Vollzeitberuf kennenzulernen – und auch als Freunde zu halten:

  • Kinder werden älter. Sie suchen sich selbst Freunde – und du lernst die Eltern gleich mit kennen. Seit Kind 1 vier Jahre alt war, geht es rund. 
  • Auch die anderen Eltern fangen meist wieder an zu arbeiten. Die Vormittagstreffen hören automatisch auf. Es ist sogar so schlimm, dass Freundinnen, die zwei Jahre zu Hause bleiben wollten, früher wieder anfangen zu arbeiten. Sie sind einsam.
  • Immer mehr Eltern – auch die ganz konsequenten Zeitplanbefolger für Abendroutinen – lockern über die Jahre ihre Konsequenz. Zeit für Abendessen mit zwei Familien. Gemeinsame Spielzeit für die Kinder ab 17/17:30 Uhr ist halt nur eine halbe bis Stunde – aber ein Elternteil kümmert sich um die aufgedrehten Kids, die andere Person macht schon mal Abendbrot für alle. Sehr viel entspannter als allein zu Haus. Wir haben das schon mit ganz kleinen Kids gemacht. Zähne geputzt und umgezogen vor Ort und ab ins Maxi Cosi zum Einschlafen während des Nachhause Fahrens. Und alle hatten einen schönen Abend. Bis heute funktioniert das, dann gehen wir halt alle kurz nach acht auseinander.
  • Es hilft, zumindest an einem Tag in der Woche die Arbeitszeit zu verschieben. Ein Tag in der Woche beginnt für mich schon vor 7 Uhr im Büro und endet dort auch am frühen Nachmittag. Das gibt Zeit für eine Nachmittagsverabredung in der Woche. Bei mir mittlerweile heiß begehrte Termine.
  • Die Wochenenden werden voller. Unsere Eltern-Kind-Kurse (Schwimmen etc.) lagen meist Samstags – und gleichgesinnte Eltern trifft man Samstags auch gleich. Auch die Wochenendverabredungen der bisherigen Elternrunden nehmen zu.
  • Deine Freunde ohne Kinder werden auch älter – und einige bekommen mit der Zeit auch Kinder. Das hilft. Viel. Wir waren nämlich mit Ende 20/ Anfang 30 bis auf eins, zwei Ausnahmen mit die ersten bei uns im Freundeskreis. Wir hatten zwar das Glück, dass gleich zwei sehr, sehr gute Freundespaare mitzogen, aber die anderen kommen nach. Und nicht vergessen, es gibt ganz viele Paar ohne Kinder die mit stoischer Ruhe auch Abendverabredungen bei Familien aushalten. Und gerne wiederkommen. 
  • Als vollzeitarbeitende Mutter hast du ein besonderes Gut am Tag- eine Mittagspause. Nutze sie – verabrede die mit Freunden, die in der Umgebung arbeiten zum Essen. Oder mit den Müttern aus der Firma, die ebenfalls länger arbeiten und mit denen es Spaß macht, Kontakte und Netzwerke aufzubauen. Oder mit den Mamis und Papis, die eh grad Elternzeit haben und einfach mit Kinderwagen und schlafendem Baby zu dir in die Kantine etc. kommen können.
  • Engagier dich in der Kita: etwa am Abend im Elternrat oder an Unterstützertagen (bei uns heißt sowas an zwei Samstagen im Jahr Gartentag). Die Kontakte zu den netten und engagierten Eltern kommen so fast von allein – und nachdem du zusammen Hochebenen gestrichen hast oder Gartenhäuschen ohne Anleitung aufgebaut hast, weißt du wer zu euch passt und wer nicht. 
  • Frag in der Kita nach, mit wem dein Kind gerne spielt und verabrede dich fürs Wochenende. Wenn es nicht klappt, war es halt ein einmalige Sache. 
  • Spielplatz funktioniert ähnlich. Und die Elternwartebank beim Sport auch. Hier in Hamburg beginnen viele Kindersport-Angebote erst um 17 Uhr, das geht auch mal bei langen Arbeitstagen. Vor allem wenn man sich mit vier Elternteilen (von zwei Kindern) abwechselt.
  • Zugebenermaßen: das zweite Kind hilft. Zum Ende der Schwangerschaft und in der Elternzeit ist ja einfach mehr Zeit. Ich habe in der Zeit aber auch einfach mal ein bis zwei Kinder mehr nachmittags mitgenommen und so die anderen arbeitenden Eltern entlastet. 
  • In den Kursen (Geburtsvorbereitung für Wiederholer und Rückbildung) fürs zweite Kind habe ich gleich die netten Menschen gefunden. Und nur die. Hat auch den Vorteil, dass die zweiten Kids gleich gleichaltrige Spielpartner haben und nicht immer als kleine Anhängsel an den großen Geschwistern hängen. Übrigens arbeiten beide Mamas auch sehr viel – ist kein Muss, aber fördert das Verständnis. Ansonsten bin ich eher für Vielfalt der Modelle, das fördert die Toleranz. Also: mehr Kinder, mehr Kontakte. Aber bestimmt nicht die einzige Lösung.
  • Per Facebook, WhatsApp und Threema bleibt man in Kontakt.

Ich kenne also mittlerweile mehr interessante und tolle Menschen als ich irgendwie im Leben unterbringen kann. Die sehr netten, oder Gleichgesinnten oder toleranten bleiben. Und mehr geht halt nicht mehr. Denn die Zeitproblematik bleibt, wenn du Vollzeit arbeitest. Ich drücke die Daumen, Sophie. Wenn Hübi größer wird und nach dir kommt, wirst du dich irgendwann umsehen und viele Menschen zusätzlich um dich herum haben.